
Am 10.10.09 ereignete sich am Buchenberg nähe Füssen ein Starkwindvorfall, bei dem drei Piloten in eine Notlage geraten sind und mit bis zu 40 km/h Rückwärtsfahrt (trotz beschleunigter Fahrt mit 60 km/h/Air) teilweise an der Rettung landen mussten. Einer der betroffenen Piloten bat um eine Re-Analyse des Vorfalles, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Vorweg: Es war mit Kaltfrontaufzug zu rechnen.
Wetterlage:
Mitteleuropa lag nach Durchgang einer Kaltfront am Freitag an dessen Rückseite mit einer kurzzeitig leichten Stabilsierung in der ersten Tageshälfte des Samstages, jedoch noch immer unter feucht-labilem Rückseiteneinfluss. Das Allgäu lag zu Mittag schon wieder stark präfrontal einer sich annähernden Kaltfront. Die Frontenkarte des DWD zeigt sie in der Analyse um 12 UTC (14 Uhr MESZ) knapp westlich des Allgäus. Tatsächlich war sie etwas schneller. Aufgrund des Reststaus der vorangegangenen Front mit starker Bewölkung dürfte die Kaltfront in der Luft, unter der Basis klebend, für die Piloten kaum sichtbar gewesen sein, wie dies ein Betroffener berichtet. Die prognostizierten Windwerte sollten gemäß GFS-Modell bei etwa nur ca. 10-25 km/h zwischen 1000 und 1500m. Diese Windgeschwindigkeit sollte auch während des Frontdurchgang vorherrschend sein. Trügerische Sicherheit!
Satelittenbild:
Das Satelittenbild von 13 Uhr zeigt die sich annähernde Kaltfront sehr schön, wie sie das Westallgäu mit kompakter Bewölkung erreich hat. Mit einer Zuggeschwindigkeit von etwa 50-60 km/h war das Eintreffen tatsächlich gegen 14 Uhr zu erwarten. Die umliegenden Windstationen aus dem Meßnetz von Meteomedia, DWD und TAWES (Österreich) zeigten zu dieser Zeit die Windzunahme mit einer markanten Windspitze für die Dauer des Frontdurchganges an, mit Böen bis 56 km/h in Hopferau und immerhin 45 km/h im geschützten Reutte in Tirol.
Es war "wettertechnisch" kein lehrbuchmäßiger Kaltfrontaufzug der nur durch die Restbewölkung in labiler Rückseitenluft etwas versteckt stattgefunden hat, insbesondere dann wenn beim Fliegen mit der Höhe die vertikale Einsicht des Himmels beschränkt war, wie wir dies vom Thermikfliegen direkt unter der Wolke hängend aus der Praxis vielfach kennen.
Kaltfronten verursachen aufgrund ihrer Verlagerungsgeschwindigkeit von bis zu 60 km/h eine erhöhte Bodenreibung. Die Luftteilchen kollidieren in Bodennähe mit der Orographie und Topographie, die Strömung verlangsamt sich dort bedeutend. Oberhalb dieser Reibungsschicht nimmt der Wind überproportinoal stark zu. Die typische Frontnase (Bild), wie sie in den Lehrbüchern gerne zur Veranschaulichung benutzt wird, sie dürfte windtechnisch mustergültig ausgeprägt gewesen sein, denn der Betroffene berichtet von keinerlei Windanzeichen in Bodennähe. Weder am Forgensee noch an den Windsäcken am Grund war Wind feststellbar. Mit dem Kaltluftkeil wurde auch die noch vorhandene feucht-wärme Luft angehoben. Bedingt durch Frontdynamik und Labilität auch vor der Front sind Steigwerte zwischen 8-10 m/s. während des Starkwindereignisses zustande gekommen. Bedingt durch die Hügelkette (Kompression der Luftmasse -> Leitplankeneffekt) wurden Windgeschwindigkeiten erreicht, wie sie das Modell nicht gezeigt hat. Die Windpfeile stellen übrigens die Windgeschwindigkeit (übertrieben) dar. Je länger, umso mehr Wind. Erst direkt an der Front dringt der starke Wind bis zum Boden durch, weit hinter der vorlaufenden Frontnase. Das Ding rechts unten, das sollte ein schlaff herunterhängender Windsack werden.
Fehlerermittlung:
Fakt: Die Kaltfront war in den Wetterberichten angekündigt. Die Piloten haben den Frontaufzug eindeutig unterschätzt. Gemäß der Webcam, die auf den Buchenberg zeigt, war es die ganze Zeit über stark bewölkt. Mit der Beobachterposition in der Luft hatten die Piloten eine denkbar ungünstige Lage um den Frontaufzug erkennen zu können. Die Kaltfront als solche war insgesamt sehr aktiv und von großer Dynamik geprägt.
Fazit:
Fronten, wie auch das gesamte Wettergeschehen, folgen niemals exakt dem dem Lehrbuch. Bei angekündigter Kaltfront hilft vor Flugvorhaben stets ein Blick auf die Frontenkarte, das Satelitten- wie auch das Radarbild. Diese Daten stehen kostenlos im Internet an vielen Stellen zum Abruf bereit und Kosten nur einen Abruf. Auch Gleitsegelwetter wird auf seiner Mobil-Seite noch während des Winters diese Basisinformationen für jedes Handy abrufbar machen. Der Vorflugcheck sollte mit Präsenz neuer Technologien um diese wichtige Informationsquelle erweitert werden. Das kostet nur wenige Cent. In diesem Fall wäre klar gewesen, dass mit Frontaufzug und aller damit einhergehender Wettergebaren gerechnet werden musste, auch wenn die prognostizierten und analysieren Windwerte in 1000 und 1500m weit unterhalb der tatsächlich ermittelten Windwerte gelegen haben. Der Faktor Gelände und dessen windverstärkende Charakter wurde ebenso unterschätzt.
Kaltfronten werden in ihrer Wirksamkeit von der fliegenden Zunft immer wieder unterschätzt. Die dicken Jumbos haben mehr Respekt vor den Fronten als wir Gleitschirmflieger. Nunja...
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Auch ein Traumjob berechtigt nicht zum Schlaf während der Arbeitszeit